Samstag, 26. September 2009

4. Newsletter

Grüezi mitenand!

Seit meinem letzten Newsletter sind drei Anfragen eingegangen:

1. Wie ist Simbabwe landschaftlich?
Was ich bisher von Simbabwe gesehen habe gesehen habe gefällt mir
ausgezeichnet. Harare ist eine sehr grüne bzw. jetzt im Frühling farbige
Stadt. Die Grundstücke sind sehr grosszügig mit vielen Bäumen, die Blüten
in allen Farben haben. Manchmal frage ich mich, ob es so viele Bäume hat,
um die heruntergekommenen Häuser zu verstecken…

Ausserhalb Harare, zumindest Richtung Osten und Norden, wechseln sich
Ebenen mit meist brachliegenden Feldern und hügelige Gegenden ab. Die Hügel
sind manchmal der kahle Fels mit diesen typischen rund verwitterten Blöcken
oder mit Büschen und Bäumen bewachsen und leuchten aus der Ferne momentan
in allen Farben. Die Berge bei Mutare im Osten des Landes sind dicht
bewaldet und Affen tummeln sich in den Bäumen.

Die dominanten Farben sind das Gelb des trockenen Grases, das Hellbraun und
Rot der Erde, das Grün der Bäume und natürlich das Blau des Himmels.
Letztes Wochenende hat es zum ersten Mal seit ich hier bin „geregnet“. Alle
haben sich gefreut, nur wir nicht. Wir wollten die Aussicht von den Bergen
geniessen… Die Ebenen südlich von Mutare und nördlich von Harare an der
Grenze zu Mozambique sind extrem heiss und trocken. Bäume sind seltener,
dafür hat’s viele riesige Baobabs! Wir stoppen immer wieder, um Früchte zu
pflücken. Keine Ahnung, wie die heissen, hab die noch nie gesehen. Die
Strassen sehen aus wie Bachbette und immer wieder muss man Erosionsrinnen
durchqueren, die während der Regenzeit entstehen. Brücken gibt’s praktisch
keine mehr, bzw. nur noch Überreste.

Das ist so etwa das, was ich bisher gesehen habe.


2. Wie ist das WG Leben in Harare?
In der Zwischenzeit sind wir im Haus zu dritt und wie sich herausstellte,
ist Liz gar keine Norwegerin sondern Amerikanerin. Hab mich gewundert, dass
sie ein so typisches Amerikanisch-Englisch spricht… That’s why! Liz
arbeitet aber für eine Norwegische Organisation, deshalb die Verwirrung. In
Simbabwe ist sie „Gender Advisor“. Sie sagt, dass es sie hier gar nicht
brauche. Nicht weil es hier diesbezüglich keine Probleme gäbe, im
Gegenteil. Gewalt gegen Frauen ist ein sehr grossen Problem (Mami und
Grossmamis: es betrifft praktisch nur Einheimische, entspannt euch also!).
Es gibt allerdings bereits genügend gut ausgebildete lokale Leute, die auf
diesem Gebiet arbeiten. Die Dritte im Bunde ist ebenfalls Amerikanerin.
Braiden arbeitet für US AID und evaluiert für einen amerikanischen
Geldgeber, ob das Geld auch vernünftig eingesetzt wird. Sie ist nur für ca.
3 Monate hier und zieht im November weiter nach Kinshasa.

WGs sind wohl international relativ ähnlich. Es hat Vor- und Nachteile. Ein
Vorteil ist natürlich, dass man sich die allgemeinen Kosten teilen kann.
Die Miete für das Haus ist zwar nur 1000 US$ + ca. 100 US$ Nebenkosten,
aber trotzdem. (Die Nebenkosten sind übrigens interessant. Rechnungen
werden praktisch keine verschickt. Zahlen muss man trotzdem. Man zahlt
einfach mal was. 10 US$ fürs Wasser. Wir haben zwar kein Wasser von der
Stadt, falls sie die Wasserversorgung aber irgendwann wieder in den Griff
kriegen, können sie uns so wenigstens nicht den Anschluss abstellen und wir
können uns dann den Strom für die Grundwasserpumpe sparen.) Der grösste
Vorteil ist aber, dass Liz seit Jahren „humanitär“ unterwegs ist, und zwar
in den wüstesten Ländern. Dadurch kann ich einiges von ihr lernen und es
ist immer spannend, wenn sie mal wieder einer ihrer Geschichten erzählt.
Ausserdem sind einige ihrer Freunden von früheren Einsätzen zurzeit in
Simbabwe, und so lerne ich diese auch kennen. Hoch spannend!

Nachteil gibt’s kaum. Wir sind nicht alle gleich ordentlich, aber das macht
nichts, da zum Haus 2 Angestellte gehören, eine Haushälterin und ein
Gärtner. Sie sind ein Paar und haben eine 8 Monate alte Tochter. Es ist für
uns alle drei neu, Angestellte zu haben. Wir wollten sie aber nicht
entlassen und ausserdem sind ihre Gehälter lächerlich klein, obwohl wir sie
mehr als verdoppelt haben… Ausserdem zahlen wir das Schulgeld für ihre
anderen 3 Kinder, und einiges mehr. Bengisia macht für uns den Haushalt,
mit Melissa auf dem Rücken und Lazarus kümmert sich um den Garten, den Pool
und hilft uns, wenn die Boiler mal wieder spinnen oder wir eine Tür nicht
auf kriegen ;-).


3. Wann beginne ich endlich zu Arbeiten für mein Geld?
Ok. Vielleicht habe ich mich in der Vergangenheit etwas undeutlich
ausgedrückt. Wir arbeiten hier! Tag für Tag! Es ist hier einfach etwas
komplizierter als in der Schweiz, da wir die Strukturen nicht wirklich
kennen und die lokalen Arbeitskollegen teilweise (zum Glück nur teilweise)
keine grosse Hilfe sind. Auf die Frage: habt ihr jetzt alles, was ihr
braucht? Die Standardantwort ist grundsätzlich JA, auch wenn’s Nein ist.
Wenn man dann später nachfragt, wie weit sie sind, heisst’s: ich brauche
noch dies und jenes um zu beginnen… Es dauert halt alles ein bisschen
länger. Aber wie man weiss, ist eine gute Vorbereitung generell wichtig.
Vor allem, wenn man fremdes Geld ausgibt, und dann noch ziemlich viel
davon. Für die Rehabilitierung der Bohrungen haben wir immerhin fast
200'000 US$ zur Verfügung, und das ist nur eines unserer Projekte (ist
übrigens kein Schweizer Geld, ausser die Löhne etc. von meinem Chef und
mir...). Diese Vorbereitungen verlangen unzählige Meetings mit den
Auftragnehmern, Produzenten, Lieferanten und intern mit der
Rechtsabteilung, der Finanzabteilung und anderen Abteilungen, Verträge und
schriftliche Abmachungen mit allen möglichen und unmöglichen Parteien. Und
dann kommen natürlich noch die Verhandlungen mit den Leuten hinzu, die von
den Projekten profitieren, die Regierung, die lokalen Behörden und die
Einwohner bzw. unsere Zielgruppe, die Binnenflüchtlinge (ehemalige
Farmarbeiter, die wegen Mugabes Landreform vertrieben wurden und
Überschwemmungsopfer, die umgesiedelt wurden). Schliesslich sind wir auf
deren Zusammenarbeit angewiesen und möchten, dass sie nach Abschluss
unserer Arbeiten die Verantwortung für die Bohrungen übernehmen. Das ist
jedenfalls die Idee dahinter. Während meinen Besuchen in Dörfern in unseren
zwei Distrikten habe ich gesehen, dass das teilweise bereits wirklich gut
klappt, und teilweise halt überhaupt nicht... Der Auftragnehmer ist in der
Zwischenzeit im Projektgebiet angekommen und hat diese Woche mit den
Rehabilitierungen begonnen. Leider war es mir nicht möglich, dabei zu sein,
da mir diese Woche nicht erlaubt wurde, zu reisen… Bürokratie… Da ich von
der DEZA an UNICEF und von UNICEF an IOM ausgeliehen wurde, war nicht ganz
klar, wer den nun zuständig für mich ist… Bis vorletzte Woche konnte ich
mich irgendwie durchmogeln und alles Nötige vor Ort vorbereiten. Letzte
Woche war dann aber Schluss. Gestern wurde allerdings ein Dokument
unterzeichnet, das alles Regeln sollte. Hoffen wir’s! Zum Glück konnten
meine Kollegen das Projekt starten, die durften nämlich reisen. Wir können
uns keine weitern Verzögerungen mehr leisten, weil wir vor der Regenzeit im
November fertig sein sollten. Die meisten Bohrungen sind dann nämlich für
Fahrzeuge nicht mehr zugänglich.

Da wir hier wirklich, ganz ehrlich genug Arbeit haben, mussten wir auf den
1. September zwei zusätzliche Assistenten einstellen, die uns bei den
Projekten unterstützen und diese weiterführen, wenn unsere Verträge
abgelaufen sind. Bei der sehr hohen Arbeitslosigkeit in Simbabwe (ca. 94%!)
kann man sich vielleicht vorstellen, wie viele Bewerbungen man da erhält.
Ausserdem waren viele sehr gut ausgebildet (Mugabe sei dank, man staune!).
Das machte die Auswahl nicht wirklich einfach und ausserdem aufwändig. Wir
sind aber sehr zuversichtlich, dass wir die beiden richtigen ausgewählt
haben, zwei junge, viel versprechende Simbabwer, Yvonne und Sherman.

Nebenbei versuchen wir, weitere Gelder für andere Projekte zu bekommen. Für
Latrinen einiger Grenzübergänge haben wir das Geld definitiv zugesagt
bekommen und nächste Woche sollte der Vertrag mit dem Unternehmer
unterschrieben werden. Die Grenzübergänge befinden in einer ziemlich
prekären Lage. Die Stromversorgung dort ist Geschichte und das wird noch
eine ganze Weile so bleiben. Die Wasserversorgung bestand aus Bohrungen mit
elektrischen Pumpen. Ohne Strom, kein Wasser. Generatoren sind auch keine
Lösung, da Diesel immer noch knapp ist und ausserdem der Nachschub sehr
unzuverlässig ist. Das bedeutet, dass sauberes Trinkwasser dorthin
transportiert werden muss, was zu teuer ist, oder die Leute verschmutztes
Wasser trinken müssen. Da kein Wasser vorhanden ist, funktionieren auch die
bestehenden Toiletten nicht, da man nicht spülen kann... Dann nehme man
noch eine grosse Anzahl Reisende oder Flüchtlinge sowie Cholera und andere
Krankheiten dazu, die durch fehlendes sauberes Wasser und unzureichende
Hygiene verbreitet werden, und los geht’s mit der nächsten Epidemie. In
unserem Projekt statten wir sieben Grenzübergänge mit temporären Plumpsklos
aus, welche in Harare mit uns zusammen entwickelt wurden. Da kann man sich
jetzt fragen, was man an einem Plumpsklo entwickeln kann. Da gräbt man eine
Grube und macht einen Deckel mit einem Loch drauf. Genau! Wie die Grube und
der Deckel aussehen müssen, ist in Simbabwe standardisiert. Den Deckel –
squatting slab – machen sie hier in der Regel aus Zement und die Kabine aus
Backsteinen. Für die Arbeiten braucht man relativ viel Zeit. „Unsere“
Latrinen mit Polyester-Slab und -Kabinen kann man einiges schneller
errichten, mindestens 4 pro Woche. Dass man für den Deckel Polyester
verwendet ist nicht neu. Diejenigen, die bisher auf dem Markt sind, sind
allerdings zu flexibel, dass man immer Angst haben muss, dass man
durchbricht. Das hab ich glaub ich schon mal geschrieben. Macht nichts. Von
den „ToiTois“ hab ich aber noch nicht geschrieben. Die sind hier an einigen
Grenzübergängen eine Notlösung. Da aber kein Saugwagen vorbei kommt, um sie
zu leeren, ist das Handarbeit… Sie freuen sich alle auf unsere Klos. Hört
sich toll an ;-)!

Wenn wir noch mehr Geld auftreiben können, möchten wir weitere
Grenzübergänge mit Latrinen ausrüsten und die Wasserpumpen auf
Sonnenenergie umrüsten. Man sollte meinen, das macht in Afrika Sinn, bei
der vielen Sonne. Trotzdem hat sich die Sonnenenergie noch nicht richtig
etabliert. Zumindest nicht hier in Simbabwe. Das Hauptproblem sei, dass die
Sonnenkollektoren viel zu schnell geklaut werden.

Die eigentliche Knacknuss ist aber der Aufbau einer neuen Abteilung in IOM
(International Organisation for Migration). IOM hat kaum Erfahrung in so
genannten WASH-Projekten (Water Sanitation Hygiene), hat aber in Simbabwe
seit der Cholera-Welle einige solche Projekte mit mehr oder weniger Erfolg
durchgeführt. Mein Chef wurde dank seiner langjährigen Erfahrung geholt, um
IOM zu unterstützen. Das braucht ganz schön viel Zeit und Nerven...

Der Alltag ist da
Ansonsten hat sich eine Art normaler Alltag eingespielt. Wenn ich im Feld
bin, heisst das 6 Uhr aufstehen, im Auto Zmörgelen, dann durcharbeiten bis
5, danach Sadsa (eine Arte sehr sehr sehr feine Polenta, ungewürzt) und
Fleisch in Muzarabani, dem einzigen Ort in der Gegend, wo man essen kann,
und anschliessend zurück ins „Guesthouse“. Wenn’s Strom hat noch 1-2
Stunden den Tag auswerten, wenn’s keinen Storm hat in 30 Minuten das
Nötigste erledigen, sonst geht dem Laptop im Laufe der Woche der Saft aus…
In Harare geniesse ich nach Feierabend den Luxus zuhause, wo wir meistens
Strom und meistens auch warmes oder kaltes (manchmal sogar beides
gleichzeitig) Wasser haben. Gaaaanz selten offizielle Einladungen wie z.B.
diese Woche. Der Schweizer Botschafter hat uns Schweizer bei sich zu Hause
zum Dinner eingeladen. Nett! Ab und zu Essen bei oder mit Freunden und ab
und zu einen Wochenendausflug. Nächstes Wochenende geht’s wahrscheinlich
endlich nach Mana Pools mit einem anderen DEZA-Mitarbeiter und seiner Frau.
Camping inmitten von wilden Tieren. Kein Scherz. Das ist ein Reservat mit
Löwen, Elefanten, Krokodilen, Rhinos, Hippos, Hyänen, etc. und man kann
dort offiziell Campieren!

Melde mich dann wieder. Mit Fotos von den Rehabilitierungen und hoffentlich
von Mana Pools!

Lasst’s euch gut gehen! Liebe Grüsse,


Eveline.


P.S.: Für diejenigen, die den Newsletter als Email bekommen hier die Links
zu meinen Facebook-Fotoalben:

Harare
http://www.facebook.com/album.php?aid=2030381&id=1391978303&l=64dadabd87

Muzarabani
http://www.facebook.com/album.php?aid=2035911&id=1391978303&l=1b7a2994ac

Chipinge
http://www.facebook.com/album.php?aid=2033518&id=1391978303&l=9e72509b01

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