Diesmal gibt’s keine Entschuldigung…
…dass ich nicht früher geschrieben habe. Es war einfach zu viel los. Neue Kollegen aus der Schweiz, Ferien mit Eltern und Gotti in Afrika, wieder ein Kurs in der Schweiz, Abschied von IOM, Beginn mit dem DEZA Büro in Simbabwe, neues Projekt, neues Gebiet, neues Team, neues Zuhause und vieles mehr. Aber alles der Reihe nach!
… das Schreiben könnte eine Weile dauern… habe gerade ein paar Notizen gemacht, was denn alles berichtenswert ist, und mit Erstaunen festgestellt, dass die Notizen in Englisch sind… Das wird ja lustig!
Neue Kollegen aus der Schweiz
Die Welt ist klein. Eines Tages hiess es, ein Kollege vom Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe (SKH) komme nach Simbabwe um das WFP zu unterstützen. Der Name kam mir verdächtig bekannt vor und tatsächlich, er war es! Rudolf, den ich am Rekrutierungstag fürs SKH kennengelernt habe, wo wir uns gegenseitig beinahe aus dem Rennen geworfen hätten. Zum Glück waren wir nicht erfolgreich und haben uns dann am SKH Einführungskurs wieder getroffen und jetzt in Harare, wo sonst! Zwei Tage später landete auch meine Unterstützung aus der Schweiz, Marie-Louise, oder Lulu. Sie wurde gesandt um mich beim Handover in IOM zu unterstützen und anschliessend mit mir zusammen das neue Projekt für die DEZA zu starten. Wie sich herausstellte spielen wir alle drei gerne Tennis, bei mir ist das zwar schon ein Weilchen her was soll’s. Rudolf entschied sich, bei einem meiner Kollegen (Donavan) von IOM einzuziehen, der selber Tennis spielt und ausserdem einen Tennisplatz im Garten hat. Sein Haus wurde mein zweites Zuhause, paradiesisch! Der Kühlschrank ist immer voll, die Männer kochen (!), der Fernseher ist riesig, es ist immer jemand da für ein gutes Gespräch und der Tennisplatz ist gleich vor der Tür. Was will man mehr?
Ferien im südlichen Afrika
Anfang September war es dann soweit. Die lange erwarteten und zu zwei Drittel detailliert geplanten Ferien mit meinen Eltern und meinem Gotti Carla standen vor der Tür. Meine Eltern sollten für 3 Wochen, mein Gotti für 2 bleiben. Von diesen Ferien gibt’s übrigens ein Fotoalbum. Wir starteten in Simbabwe, genauer gesagt in Harare. Eine der ersten Erfahrungen die sie hier machen mussten war etwas alltägliches für uns: Stromausfall und der Generator streikt! Zum Glück hatte der Gärtner Besuch von seinem Bruder, der das Problem sofort behob. Das ist auch typisch in Simbabwe, es ist fast immer jemand da, der helfen kann und das auch tut, umsonst. Am zweiten Tag ging’s zum Spatzieren auf den Hügeln von Domboshava mit den Felsmalereien und dann war’s bereits Zeit für Mana Pools. Ich habe meinem Vater zum 60sten Geburtstag 2 Nächte für 2 Personen in einer Lodge im Mana Pools Park geschenkt. Wir hatten eine tolle Zeit mit gutem Essen, vielen Tieren und gemütlichen Sonnenuntergängen. Diesmal waren die Löwen nicht gewillt sich zu zeigen, dafür wanderte eine Elefantenmutter mit ihren 2 Babies Tag und Nacht im Camp herum. Die Leoparden wollten sich mir auch diesmal nicht zeigen, einer anderen Gruppe dafür schon. Aber wir haben einen Hasen gesehen!
Nach Mana Pools ging’s zum Packen nach Harare und dann weiter nach Kapstadt wo wir ein Auto reserviert hatten. Das mussten wir dann aber gleich umtauschen, da der Gepäckraum zu klein war… Drei Frauen mit Gepäck… No comment! Jedenfalls sind wir eine Woche lang im südwestlichen Südafrika rumgedüst, haben Wein degustiert, Wale beobachtet, einsame Küsten genossen und kurz Kapstadt unsicher gemacht. Der Kontrast zu Simbabwe hat mich ehrlich gesagt ziemlich beschäftigt. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass die Leute versuchen zu leugnen, dass Südafrika ein Afrikanisches Land ist. Alles sollte perfekt sein und das Ganze in einer Art, dass für mich der ganze Charme verloren ging. Ich fühlte mich überhaupt nicht in Afrika und war irgendwie traurig, dass die Südafrikaner – zumindest in der Gegend in der wir waren – offenbar nicht Stolz darauf sind, Afrikaner zu sein. Das ist in Simbabwe ganz anders, trotz der aktuellen Situation.
Wie auch immer. Nach Kapstadt mussten wir mein Gotti verabschieden und den Flug nach Windhoek, Namibia, erwischen. Dort wartete auch ein Auto auf uns. Diesmal war es definitiv gross genug und ganz wichtig: geländetauglich! Bis hier war alles ziemlich detailliert geplant. Die einzigen zwei Dinge die von nun an organisiert waren, war eine Nacht im Sossousvlei Park und die Rückflüge. Ich konnte meine Eltern davon überzeugen, dass wir einfach drauflos fahren und von Tag zu Tag planen. Tja, wir hatten riesig Glück, dass wir in der ersten Nacht 3 Betten gefunden haben. Zuerst hiess es aber, dass es kein Abendessen und Frühstück gibt, da wir uns nicht angemeldet hätten… Da wir mitten im Nirgendwo waren gab’s keine Alternative, und kein Handyempfang. Wir blieben und plötzlich war das Essen kein Problem mehr. Es war mehr als genug da. Von nun an buchten wir immer bereits am Morgen für die Nacht oder sogar für den nächsten Tag. Damit hatten wir keine Probleme mehr. Die Atmosphäre in Namibia war wieder komplett anders als in Südafrika und auch in Simbabwe. Wir fuhren von Windhoek Richtung Süden, in die unendlichen Weiten. Es ist leer. Es ist weit. Und es gibt kaum asphaltierte Strassen. Wir wanderten in den fossilen Dünen, in den roten Dünen von Sossousvlei und fuhren durch den Sand der Kalahari. Und wir sahen Hasen… Eines späten Nachmittags hab ich mich eine Stunde lang geduldig hingesetzt, um Erdmännchen zu fotografieren. Keine Erdmännchen… nur Hasen… Die Hasen wurden irgendwie zu einem wichtigen Bestandteil unserer Ferien!
Es gäbe noch viel zu erzählen von den Ferien, aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass ihr auch was über die Arbeit wissen möchtet………
Abschied von IOM
Nach 15 Monaten IOM war die Zeit gekommen, um Lebwohl zu sagen. Vorher gibt’s aber noch drei Dinge zu berichten! Im letzten Newsletter hab ich geschrieben, wie sehr ich mich auf meinen Nachfolger freue. Nun ja, er ist nicht gekommen… Er hat uns hängen lassen… Das ganze passierte eine Woche vor meinen Ferien. Tolles Timing! Der Glückspilz hat zur gleichen Zeit einen anderen Job angeboten bekommen, der viel besser war, nämlich im Sudan. Das ist eine riesige Chance für ihn und bestätigt, dass wir einen guten Riecher hatten. Bei den Interviews ging der zweite Platz an einen meiner Kollegen in IOM, der den Job annahm und hervorragend meistert.
Auch noch vor meinen Ferien hatte ich noch einen letzten sehr eindrücklichen Besuch ins Feld. IOM hatte sich ein Jahr lang für ein paar hundert Familien von vertriebene Farmarbeiter eingesetzt, die in einem inoffiziellen Camp hausten. Nach langem Ringen wurde diesen Familien Land zur Verfügung gestellt, wo sie sich offiziell niederlassen durften. IOM unterstützt die Familien dabei, ein neues Leben aufzubauen und sich in die Gesellschaft einzugliedern. Ich war da mit meinen Kollegen als die ersten Familien mit ihrem spärlichen Hab und Gut ihre neue Heimat erreichten, ihre neuen Nachbarn kennen lernten, ihre Parzelle zum ersten mal betraten und anfingen das Land von Büschen etc. zu klären um Platz zu schaffen für den Bau ihrer Hütten. Das war unbeschreiblich!
Im Oktober war ich für eine Stippvisite in der Schweiz. Samstag Ankunft, Montag bis Freitag GIS/GPS Kurs, Samstag Abflug. Ein paar wenige, sehr flexible Freunde und Familie habe ich kurz gesehen, mehr war nicht drin. Und das Wetter war nicht gut genug zum Töfflen…
Dann Ende Oktober war es endgültig Zeit für den Abschied. Ich hatte eine tolle Zeit in IOM, nicht immer einfach, aber unvergesslich. Ich habe extrem viel gelernt, beruflich und persönlich, Freunde gefunden und bin an unendlich vielen Erfahrungen reicher. Tatenda, vanhu vakanaka (Thank you, good people)!
Neuer Job, neues Leben
Am 1. November 2010 war es dann soweit. Ich hatte die Ehre einen neuen Job, diesmal direkt für die DEZA, zu beginnen. Nun bin ich Chef des Feldbüros und Projektmanager. Dies bedeutete jedoch, dass ich von Harare nach Masvingo ziehen musste. Masvingo ist ca. 4 Stunden Autofahrt südlich von Harare. Unser Auftrag, Lulu ist ja auch noch da, ist herauszufinden, wie schlimm es um die Wasser und WC Versorgung in Kliniken und Spitälern in zwei Distrikten, Zaka und Bikita, steht und vor allem, wie wir helfen können. In diesen beiden Distrikten unterstützt die DEZA ein Projekt eine Schweizer Organisation (SolidarMed), die dem Gesundheitsministerium hilft, die Medikamentenabgabe für und das testen von (potentiellen) HIV positiven Leuten zu dezentralisieren. Nun sollen wir uns um Wasser, WCs und Hygiene kümmern. Im November und Dezember sind wir von Klinik zu Klinik gefahren und das Fazit: 90% haben nicht genügend Toiletten, 50% haben kein fliessend Wasser (Minimum Standart vom Gesundheitsministerium) und die Hälfte der Kliniken mit fliessend Wasser haben nur eine sehr sporadische Wasserversorgung und 90% haben keine Möglichkeit medizinischen Abfall wie Spritzen sicher zu entsorgen. Ausserdem ist die Wasserqualität in vielen Fällen bedenklich. Das Leben für die Krankenschwestern und das andere Personal in den Kliniken, die auch dort wohnen, ist sehr schwierig. Deshalb gibt es sehr viele Wechsel im Personal, was die Arbeit in den Kliniken erschwert, da keine Kontinuität vorhanden ist.
Mit unserem Projekt möchten wir dieser Entwicklung indirekt entgegenwirken. Was ist denn nun unser Projekt. Wir haben Anfang Januar 2011 unseren Vorschlag nach Bern geschickt und er wurde akzeptiert! Das beste daran ist: es ist Geld von der Entwicklungshilfe, nicht von der Humanitären Hilfe. Wir haben 2 Jahre Zeit und dadurch können wir ganz anders arbeiten als die meisten anderen Organisationen. Das ganze ist eine Art Pilot. Der Cluster Coordinator des WASH Clusters hat unseren Ansatz letzte Woche „applied research“ genannt und will uns unterstützen wo er kann, denn unser Projekt ist einmalig in Simbabwe. Ihr kennt mich, ich bin kein Prahler aber wir sind echte Glückspilze und haben hier eine einmalige Chance. Wir sind wirklich sehr aufgeregt und wissen, dass wir viel Arbeit und viele Schwierigkeiten vor uns haben. Wir werden weiterhin sehr eng mit dem Cluster, verschiedenen Regierungsbehörden, die die Standards regeln, den Vertretern des Gesundheitsministeriums in den Distrikten und in den Kliniken und Spitälern und vor allem den traditionellen Leadern und der Bevölkerung zusammen arbeiten. Sonst haben wir keine Chance auf Erfolg!
In den zwei Distrikten werden wir insgesamt 46 Spitäler und Kliniken unterstützen. Unser Projekt besteht aus zwei Hauptkomponenten. Die ersten Komponente ist die einfache: Reparatur der Infrastruktur; Pumpen, Leitungen, Wasserreservoirs oder Tanks, Plumsklos, Spühlklos, Infrastruktur für angemessene Entsorgung von medizinischen Abfällen. Für diese Komponente haben wir 12 Spitäler und Kliniken ausgesucht, die am stärksten belastet sind (# Patienten, Zustand der Wasserversorgung, etc.). 4 davon sind grosse Spitäler, 3 kleiner Spitäler und die übrigen Kliniken. Diese 12 werden ein Komplettpaket für Wasser, WC und Abfallentsorgung erhalten. Ein Grossteil der Arbeit wird an Unternehmen vergeben. Für die übrigen 38 Kliniken haben wir ein kleineres Budget und das Klinikpersonal und Komitees der Bevölkerung werden bestimmen, wie das Geld investiert wird. Der Grossteil der Arbeit wird auch von ihnen erledigt werden müssen, das Material wird von uns zur Verfügung gestellt und wir unterstützen sie mit Wissen etc. wo immer sie dies benötigen. Mit diesen zwei Vorgehensweisen werden wir vergleichen können, ob es besser ist, viel Geld zu investieren, oder ob das Ergebnis besser ist, wenn man nur das Nötigste macht. Die Antwort scheint einfach zu sein, ist aber etwas verzwickt, weil der wichtigste Faktor für den Erfolg die Nachhaltigkeit ist. Wenn wir fertig sind und alles an die zuständigen Behörden übergeben, werden diese in der Lage sein, für den Unterhalt zu sorgen? Deshalb ist die zweite Komponente unseres Projekts fast wichtiger als die erste.
Von der zweiten Komponente werden alle Spitäler und Kliniken gleich profitieren. Das sind die Trainings. Nebst den obligatorischen Trainings für Leute, die in den Dörfern Werbung für Hygiene und sauberes Wasser machen sollen und Trainings für Mechaniker von Handpumpen (Wasser) haben wir weitere Trainings und Recherchen geplant. Diese Trainings sollen den Leuten helfen, ihre Infrastruktur besser zu managen und so die Nachhaltigkeit unseres Projekts stark verbessern. Dazu werden wir eine Kosten-Analyse machen, wieviel Geld muss im jährlichen Budget geplant werde für den Unterhalt (und den Rest), wieviel Geld nimmt eine Klinik / ein Spital im Schnitt jährlich ein. Wohin geht das Geld (wird zentral gesammelt), wer entscheidet, wie dieses Geld wieder verteilt wird, und so weiter und so fort. Ganz offensichtlich ist irgendwo der Wurm drin, den wir finden wollen. Durch diese Trainings wollen wir auch eingeschlafene Komitees wieder stärken, um wieder mehr Schwung, Dynamik und Verantwortungsbewusstsein zu haben. Dafür haben die anderen Organisationen keine Zeit und kein Geld aber sie sind sehr an unseren Ergebnissen interessiert.
Das ist das Projekt, für das ich länger als geplant in Simbabwe bleiben werde. Ich hoffe, ihr habt Verständnis dafür.
Hier in Masvingo sind wir im Moment ein sehr kleines Team: Lulu, die uns Ende Monat bereits verlassen wird, um wieder in die Schweiz zurück zu kehren, Mkhululi Ngwenya – Projekt Officer, der sich um die ganzen Trainings und Nachhaltigkeitsaspekte kümmern wird und Stephen Kabiseni – Projekt Assistent, der sich um die Infrastruktur kümmern wird. In den nächsten paar Wochen werden wir drei zusätzliche Kollegen rekrutieren. Wir brauchen noch einen Assistenten und einen Officer sowie eine Finanz und Administration/Logistik Person fürs Feldbüro. Ich kann einfach nicht alles machen! Zum Glück haben wir Support von unseren Kollegen in Harare.
Mein neues Zuhause in Masvingo ist momentan in einer Lodge – die Hippo Creek Lodge, wo auch unser Büro ist. Das Büro hat mein Vorgänger eröffnet. Wunderschöner Ort, direkt an einem Stausee wo man am Wochenende Fischen kann, wenn man Zeit hat und wenige Kilometer von einem Park mit Giraffen, Zebras, Büffeln, Rhinos, Leoparden, etc. In der Nacht kriegen wir regelmässig Besuch von einem Hippo, welches offenbar am liebsten das Gras direkt vor meiner Hütte frisst. Falls mich hier jemand besuchen kommt: bringt eine gute Taschenlampe mit! Weitere erwähnenswerte Haustiere sind unzählige Spinnen und ab und zu mal eine Schlage (bisher zum Glück nicht im Zimmer…). Besucher sind herzlich willkommen!
So, jetzt hab ich wohl genug geschrieben. Wünsche euch allen einen guten Start in den Sommer! Bis zum nächsten Mal. Ich plane im Juni für 2-3 Wochen in die Schweiz zu kommen für euch (!) und meinen alljährlichen TCS-Töffkurs. Kann’s kaum erwarten!
Eveline.